Teil 3: Räucherzeremonie Koh-Doh

Koh-Doh: die japanische Räucherzeremonie

Vom Alltäglichen zum Erhabenen

Koh-doh ist die Bezeichnung für die japanischen Räucherzeremonie. Sie ist eine der drei klassischen japanischen Kunstformen, bei denen eine alltägliche Tätigkeit durch Bewusstheit und Achtsamkeit zu einem fast heiligen Akt erhoben wird:

  • Cha-doh ist die Teezeremonie.
  • Ka-doh oder Ikebana ist das japanische Blumenarrangement.
  • Koh-doh ist die Räucherzeremonie.

Koh-doh ist die Würdigung des Räucherns in seiner höchsten Form, bei der man nach vorgeschriebenen Regeln und einer bestimmten Etikette das Räuchern genießt, mit dem Ziel, das mentale Wohlbefinden und der Sensititvität zu steigern. Man lässt für eine Weile den stressigen Alltag hinter sich, beruhigt den Geist und genießt die meditative Präsenz gemeinsam mit anderen Menschen in einer kleinen Gruppe.

Es ist auch ein Spiel, ein kleiner Wettbewerb, bei dem es darum geht, die verschiedenen Qualitäten von Räucherzutaten zu erraten und zu bestimmen. Die Zeremonie kann auch Elemente enthalten, bei denen die Teilnehmer den Duft der Räucherstäbchen mit japanischer Poesie assoziieren, was an sich schon eine bewusstseinserweiternde Aktivität darstellt.

Düfte werden im limbischen System des Gehirns wahrgenommen – dem “primitiven” Teil des Gehirns, zu dem der Instinkt und die Erinnerung gehören. Poesie und anspruchsvoller Sprachgebrauch aktivieren einen anderen Teil des Gehirns. Die Kombination dieser beiden Aktivitäten eröffnet neue Denkweisen und Bewusstseinsebenen.

Räucherzeremonie Koh-Doh

Räucherzeremonien werden traditionell in einem speziell dekorierten Raum mit Platz für zehn Personen durchgeführt: Zeremonienmeister, ein Schreiber und 8 Teilnehmer. Die Teilnehmer sind gut gekleidet. Die Männer in Anzug und Krawatte und die Frauen in Kimonos. Wenn die Teilnehmer ihre Füße in traditioneller japanischer Manier auf den Boden gestellt haben, kommt der Zeremonienmeister mit einer Kiste herein, die die traditionellen Werkzeuge für das Räuchern enthält.

Man verwendet keine Räucherstäbchen, wie wir sie kennen, sondern kleine Späne aus verschiedenen Aloeholz- und Sandelholzsorten. Dazu braucht man Räuchergefäße, verschiedene Arten von Pinzetten, Asche und Holzkohle. Der Schreiber bringt Papier und Kalligrafie-Pinsel, um die Ergebnisse aufzuschreiben.

Räucherzubehör für die Räucherzeremonie
Tadon-Holzkohle, die im Räuchergefäß platziert wird.

Der Zeremonienmeister bereitet sorgfältig ein Räuchergefäß mit Sandelholzasche, glühender Holzkohle und der ersten Probe des duftenden Räucherholzes vor. Es wird dann an die Teilnehmer verteilt – zuerst an den Ehrengast, falls es einen gibt, und dann an die anderen Teilnehmer.

Räuchermaterialien haben einen sehr dezenten Duft, wenn sie auf diese Weise angezündet werden, und die Teilnehmer halten das Räuchergefäß an ihre Nase, während sie Ihre Hand über das Gefäß halten, den Räucherduft hören, ihn genießen und schreiben schließlich ihre Vermutungen auf.

Alles geschieht in ehrfürchtiger ruhiger und erhabener Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Düfte werden nacheinander verteilt und die ganze Zeremonie dauert etwa eine Stunde.

Räucherzeremonie Genji Koh

Diese Zeremonien sind eine Art formelles Spiel, bei dem man sich mit guten Freunden treffen und die Welt der Düfte genießen kann. Obwohl es ein Element des Wettbewerbs gibt, sind sie in erster Linie dazu da, Spaß zu haben und das erhöhte Bewusstsein und Achtsamkeit zu genießen, wie es die Zeremonie nahelegt.

Kumikoh bedeutet “Gruppierung von Räucherwerk” und eines der beliebtesten Kumikoh-Spiele ist Genji-Koh. Das Spiel basiert auf der Geschichte vom Prinzen Genji und ist ein wichtiger Teil japanischen Literatur. Der Zeremonienmeister wickelt dafür eine Reihe von Räucherproben in Papier, wovon die die Teilnehmer fünf Stichproben ziehen und prüfen.

Wenn sie zu dem Ergebnis kommen, dass alle Düfte unterschiedlich sind, ziehen Sie fünf senkrechte Linien auf das Papier. Wenn Sie glauben, dass zum Beispiel die ersten beiden Stichproben gleich sind und die die letzten drei unterschiedlich, so setzen sie eine horizontale Linie über die ersten beiden Linien. Es gibt also fünf vertikale Linien und möglicherweise eine Reihe von horizontalen Linien über ihnen (s. Abb. unten), wenn die Teilnehmer der Meinung sind, dass einige der Räucherproben ähnlich waren.

Räucherzeremonie Genji-Koh
Räucherspiel Genji-Koh mit Zuordnung der Kapitel des Buchs nach Strichzeichen

In Genji-Koh gibt es somit 52 mögliche Kombinationen. Sie beziehen sich auf 52 der 54 Kapiteln des Romans “Genjis Erzählung” (der Roman ohne das erste und das letzte Kapitel).

Da sowohl das Räucherwerk als auch die Reihenfolge willkürlich gewählt wurden, ist es Zufall, auf welchem Kapitel man in der Geschichte landet. Und wenn der Zeremonienmeister vor der nächsten Runde einen kleinen Auszug aus diesem Kapitel vorliest, wird es ein literarischer Abend, der ganz vom Zauber des Augenblicks geprägt ist.

“Genjis Erzählung” ist ein Roman von über tausend Seiten, es gibt also so viele kurze Passagen zu lesen, so dass dieses Spiel unzählige Male gespielt werden kann, ohne sich zu wiederholen. Die Kombinationsmöglichkeiten sind schier unendlich.

Räucherzeremonie Shirakawa-Koh

Räucherzeremonie Shirakawa-Koh
Gedicht des Mönchs Noin. Shirakawa ist eine kleine, historische Stadt in Japan.

Das Räucherspiel Shirakawa-Koh basiert auf dem oben genannten Gedicht des buddhistischen Mönchs Noin (um 988-1051). Ein Gedicht von vier Zeilen, die eine Reise von etwa zweihundert Kilometern beschreiben – denn die Worte brauchten damals fast ein halbes Jahr zurück.

Der Zeremonienmeister hat 5 Umschläge mit Räucherwerk vorverpackt. Zwei Pakete mit dem gleichen Räucherduft, der für “Frühlingsnebel auf dem Weg von der Hauptstadt” steht. Zwei Pakete, die für “Herbstwind” stehen, und schließlich ein einzelnes Paket, das die “Grenzstation von Shirakawa” darstellt.

Wenn die Gäste eintreffen, verbrennt er die beiden Proben der ersten beiden Räucherdüfte und erzählt den Gästen von den beiden Zeilen des Gedichts, die die beiden Räucherproben darstellen.

Danach verbrennt er die drei verbleibenden Proben eine nach der anderen, aber in zufälliger Reihenfolge. Die Gäste müssen nun sorgfältig die ersten beiden Räucherstäbchen und das dritte unbekannte Parfüm erkennen und so in der Vorstellung und Geruch die gleiche Reise unternehmen wie Noin vor über neunhundert Jahren.

Räuchern im Westen

Für einen Nicht-Japaner ist es fast unmöglich, eine Räucherzeremonie vollständig nach den traditionellen Regeln durchzuführen. Sie erfordert einen speziellen Raum, Kenntnisse der japanischen Kalligraphie und Poesie sowie die Kenntnis eines komplizierten Regelwerks und der Etikette. Aber man kann sich von den traditionellen japanischen Zeremonien inspirieren lassen und ganz ungezwungen in die faszinierende Welt eintauchen, die das japanisches Räucherwerk enthält.

Wir können uns mit Freunden treffen und einige Lieblings-Räucherstäbchen anzünden, die Augen schließen und abwechselnd erzählen, woran dieser Räucherduft uns erinnert. Vielleicht ein Gedicht, das wir kennen. Oder eine Situation aus unserer Kindheit oder eine Reise, die wir unternommen haben.

Man könnte sich auch vom Genji-Koh inspirieren lassen und eine andere Geschichte als “Genjis Erzählung” nehmen, zum Beispiel J.R.R. Tolkiens “Herr der Ringe” oder eine andere Lieblingsgeschichte. Die Möglichkeiten sind zahllos und es eröffnet sich eine ganz neue Welt, sobald man in das faszinierende Universum der Düfte eintaucht.

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