Teil 2: Zen oder die Kunst, Räucherstäbchen zu lauschen

Zen-Meditation und japanische Räucherstäbchen

Die Japaner “hören” dem Räucherstäbchen zu. Das ist ein Konzept, das wir erst verstehen können, wenn wir uns damit beschäftigen. Dabei gibt es mehrere Aspekte. So sprechen die Japaner vom Hören von Musik mit den physischen Ohren und vom Hören von Räucherstäbchen mit den Ohren der Seele. Wenn man Räucherstäbchen hört, ist man sehr aufmerksam und im Moment präsent mit allen Sinnen. Ein weiterer Aspekt erinnert an den berühmten Zen-Koan.

Zen-Koan

Im Zen-Koan werden Fragen gestellt, die unmöglich zu beantworten sind wie “Zwei Hände klatschen und es gibt ein Geräusch. Was ist das Geräusch der einen Hand, die da klatscht?” oder “Zeig mir dein ursprüngliches Gesicht, bevor deine Mutter und dein Vater geboren wurden.” Fragen wie diese haben keine logische Antwort und sie sind offensichtlich nicht dafür gedacht direkt beantwortet werden, sondern dienen der Meditation.

Die tiefe Zen-Einsicht ist, dass in der kontemplativen Bemühung um eine Antwort auf eine unmögliche Frage der Geist transformiert wird. Eine unmögliche Frage ist: “Wie klingt dieses Räucherstäbchen?” – “Nun, ich weiß es nicht…” – “Hören Sie noch einmal zu und kommen Sie wieder, wenn Sie die Antwort haben!” würde ein Zen-Meister sagen.

Zen-Meditation
Meditation über Zen-Frage

Dem Räucherstäbchen lauschen

Versuche es selbst! Zünde ein Räucherstäbchen an, blase die Flamme aus, setze dich in einiger Entfernung hin und meditiere über die Frage: “Wie klingt dieses Räucherstäbchen” – Wenn es ein Musikstück wäre, welche Musik wäre es dann? Gehe noch tiefer in das Thema. Könnte es sein, dass der feine Rauch des Stäbchens eine Sinfonie in der Luft darstellt? Eine sich ständig verändernde Musik, die nie wiederholt werden kann? Wenn Musik sichtbar wäre, würde sie wie der Rauch eines Räucherstäbchens aussehen?

Was bringt den feinen Rauch dazu, so schnell aufzusteigen? Gehe noch tiefer in der Frage. Wie klingt dieses Räucherstäbchen? Wenn du Glück hast, schaltest du den Verstand aus und lehnst dich gedankenleer zurück – voller Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Und wenn es irgendwelche Gedanken gibt, die dich vom Hier und Jetzt wegführen, kehre sanft zu der Frage zurück. Wie klingt dieses Räucherstäbchen?

Zen-Koan - Wie klingt dieses Räucherstäbchen?

Und dann kannst du zu einem Zen-Meister gehen und sagen: “Aha! Jetzt verstehe ich!” Und er würde sicherlich seinen Zen-Stock wiederfinden, dir einen kleinen Klaps auf den Kopf geben und sagen: “Es waren deine Augen! Schließe deine Augen und finde heraus, wie das Räucherstäbchen KLINGT!”. Und dann heißt es einfach zurück und weiter über die Frage meditieren…

Der japanische Zen-Buddhismus

Ein Mönch fragte Meister Feng-Hsueh: “Wie kannst du die Wahrheit ausdrücken, ohne Sprache und ohne Schweigen? “Der Meister antwortete: “Ich erinnere mich immer an den Frühling in Südchina. Die Vögel singen inmitten der unzähligen Vielfalt duftender Blumen. ”

In Pali, der Sprache Buddhas, wurde der meditative Zustand als Jhana bezeichnet. Daraus wurde Dhyan in Sanskrit, Chan in Chinesisch und Zen in Japan. Der japanische Zen-Buddhismus ist ein einzigartiges Juwel unter allen spirituellen Richtungen der Welt. Zen legt Wert darauf, dass der Praktizierende die Wahrheit bzw. Weisheit direkt erfährt, nicht nur, indem er in Schriften über sie liest.

Es gibt eine direkte und erstaunlich praktische Erfahrung des spirituellen Erwachens. Und wenn der Zen-Mönch nach theoretischem Wissen strebt, tut der Zen-Meister sein Bestes, um diesen Drang zu stoppen.

Räucherstäbchen in der Zen-Meditation

Der Kaiser fragte Meister Gudo: “Was geschieht mit einem erleuchteten Menschen nach dem Tod?” “Woher soll ich das wissen?” Sagte Gudo. “Weil du ein Zen-Meister bist”, antwortete der Kaiser. “Ja”, sagte Gudo, “aber ich bin nicht tot.”

Meistens genießen wir ein Räucherstäbchen um der Stimmung willen. Aber wenn ein japanischer Zen-Mönch Räucherstäbchen in seiner meditativen Praxis verwendet, hat das garantiert einen praktischen Zweck, nämlich um einen tieferen meditativen Zustand zu erreichen.

Zen hat weit mehr mit der Wissenschaft gemeinsam als mit dem, was wir gewöhnlich in Religionen vorfinden. Im Zen-Buddhismus geht es nicht so sehr darum, “an etwas zu glauben”, sondern vielmehr herauszufinden, wie das Bewusstsein und der Geist funktionieren – und letztlich dadurch spirituelle Erleuchtung zu erlangen.

Buddha und eine Blume ohne Worte

Es wird erzählt, dass Gautama Buddha eines Tages seine Jünger versammelte, um eine Rede für sie zu halten. Als sie ankamen, saß der Buddha in völliger Stille und seine Jünger dachten, dass er vielleicht müde oder krank sei. Buddha hielt in der Stille eine Blume hoch und blinzelte. Einige der Jünger versuchten herauszufinden, was das zu bedeuten hatte, aber keine ihrer Ideen war richtig.

Einer der Jünger, Mahakasyapa, war still. Er saß in meditativer Stille und betrachtete die Blume und spontan breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Zwischen dem Buddha und Mahakasyapa hatte eine wortlose Verständigung stattgefunden unter Umgehung des Intellekts der Gedanken.

Die Geschichte von Blumen, die wie Regen fielen

Subhuti war einer der Schüler des Buddha. Er hatte durch meditative Praxis gelernt die ultimative innere Stille. Eines Tages saß Subhuti – in einem Zustand der erhabenen Leere – unter einem Baum, als Blumen um ihn herum herabfielen. “Wir grüßen dich für deinen Vortrag über die Leerheit”, flüsterten ihm die Götter zu. “Aber ich habe nicht von Leerheit gesprochen”, sagte Subhuti. “Du hast nicht von Leerheit gesprochen, wir haben keine Leerheit gehört”, antworteten die Götter. “Dies ist die wahre Leere.”

Und die Blumen fielen über Subhuti wie Regen.

Erleuchtung durch Zen-Meditation
Blütenregen über Buddhas Schüler Subhuti

Zen-Weisheit

In Europa kennen wir aus der Geschichte erleuchtete Menschen wie Hildegard von Bingen, Franz von Assisi und Meister Eckhart. Und in der Neuzeit erleben wir im Westen eine wahre Blüte des Bewusstseins von Eckhart Tolle, Katie Byron, Neale Donald Walsch, etc. Und mit ihnen eine Fülle von “normalen” Menschen. Spirituelles Bewusstsein scheint in unserem Teil der Welt eher ein glücklicher Umstand gewesen zu sein, als Ergebnis einer Lebenskrise oder als anderes spontanes Ereignis.

Im Zen ist das Ziel der spirituellen Praxis, die Erleuchtung zu erlangen. Die Zen-Praxis hat im Laufe der Jahrhunderte viele erleuchtete spirituelle Meister hervorgebracht. Die Weisheit, die von Meister zu Schüler weitergegeben wird – mehr durch die Gegenwart und unkonventionelle Praxis als durch Worte und Theorie – geschieht oft in Paradoxien, wie in dieser kleinen Zen-Geschichte:

Ein Mönch fragte Meister Tung-shan: “Wo sind die Dinge, bevor der Geist existiert?” Der Meister antwortete: “Die Lotusblume bewegt sich, ohne dass ein Windhauch in der Luft weht, also muss es ein Fisch sein, der vorbeischwimmt. ”

Wir haben keine Ahnung, wovon er spricht – und doch verstehen wir, was er sagen will. Zen ist die Präsenz, die Achtsamkeit und der ultimative Sinn für die Bedeutung des Lebens

Die Geschichte von Zen-Meister Ryokan

Zen-Meister Ryokan lebte ein einfaches Leben in einer kleinen Hütte am Fuße eines Berges. Eines Abends kam ein Dieb in die Hütte und musste feststellen, dass es nichts zu stehlen gab. Ryokan kehrte zurück und ertappte ihn auf frischer Tat: “Du hast einen weiten Weg zurückgelegt, um mich zu besuchen und du darfst nicht mit leeren Händen zurückkehren. Nehmt wenigstens meine Kleider als Geschenk.” Verwirrt nahm der Dieb die Kleider und eilte davon. Ryokan lehnte sich nackt zurück und betrachtete den Mond. “Armer Kerl”, sagte er zu sich selbst. “Ich wünschte, ich hätte ihm diesen schönen Mond schenken können.”

Geschichte von Zen-Meister Ryokan
Geschichte von Zen-Meister Ryokan und dem Mond als Geschenk

Um den Mond als Geschenk zu erhalten, muss man meditativ präsent sein und den Moment festhalten können. Dies ist das größte Geschenk und erfordert, dass man durch meditative Praxis in der Lage ist, den Geist für störende Gedankenströme zur Ruhe zu bringen und meditativ im Moment präsent zu sein. Das ist der wahre Reichtum. Materielle Dinge kann man nur kaufen – oder stehlen.

Räucherstäbchen in der meditativen Zen-Praxis

Es war einmal ein Mönch, der Räucherstäbchen verbrannte. Plötzlich hatte er die Einsicht, dass der Duft weder kam noch ging. Er tauchte entweder auf oder verschwand. In diesem Moment wurde er erleuchtet.  

Japanische Zen-Mönche verbrennen Räucherwerk in Verbindung mit ihrer meditativen Praxis. Und das nicht ohne Grund. Es gibt sowohl praktische als auch symbolische Gründe, dass Räucherstäbchen und Meditation zwei Seiten derselben Medaille sind. Das Verbrennen von Räucherwerk ist eine heilige Handlung, die das Gewöhnliche und Alltägliche in etwas Besonderes verwandeln kann. Der Anblick des brennenden Räucherstäbchens und das Spüren des zarten Dufts in der Nase bringt den Geist automatisch dazu, sich zu entspannen und im Moment zu bleiben.

Der Duft entfaltet sich in mehreren Schichten. Wie eine duftende Blume mit tausend Facetten. Ob in einem großen Tempel oder in einem kleinen Raum – die Wirkung ist dieselbe. Man nimmt das erhabene Aroma in der Nase wahr. Man sieht den feinen wabernden Rauch des angezündeten Räucherstäbchens – in ständigem Wechsel – ohne die Möglichkeit der Wiederkehr. Eintauchen. Achtsamkeit. Komponiert der Räucherduft nicht eine Sinfonie in der Luft? Wenn wir sehr genau hinhören …

Fördert die Meditation: Räucherstäbchen mit Aloeswood
Fördert die Meditation: Räucherstäbchen Oedo-Koh Aloeswood

In der buddhistischen Vipassana-Meditation kehrt die Aufmerksamkeit immer wieder zum Atem zurück. Der Geruchssinn ist eng mit dem Atem verbunden und der Geruch von Räucherwerk stimuliert meditative Zustände im Gehirn. Die drei Dinge sind eng miteinander verbunden und gehen in eine höhere Einheit über. Ein tiefer meditativer Zustand ist gekennzeichnet durch spontanes Atmen, tief und ruhig, und so wirst du Düfte von Räucherstäbchen intensiv erleben.

Räucherstäbchen aus Sandelholz und Aloeswood stimulieren meditative Gehirnwellen – und unterstützen dadurch die Absicht, in einen meditativen Zustand einzutreten. Indem du immer das gleiche Räucherwerk für die Meditation verwendest – und nicht für andere Zwecke – erreichst du eine intensive und förderliche Atmosphäre rund um die meditative Praxis.

Auch auf der symbolischen Ebene gibt es eine Verbindung zwischen Räucherstäbchen und Meditation. Der aufsteigende Rauch des Räucherwerks verbindet die physische Ebene mit dem Kosmos – das Irdische mit dem Himmlischen.

Ablauf einer Vipassana – Einsichtsmeditation

Vipassana ist die einfachste Meditation der Welt.

Durch Vipassana wurde Buddha erleuchtet. Und durch Vipassana sind mehr Menschen erleuchtet worden als durch irgendeine andere Methode.

Ja, es gibt andere Methoden, aber sie haben nur wenigen Menschen geholfen. Vipassana hat Tausenden geholfen, und es ist ganz einfach.

Vipassana ist reine Essenz.

Osho

Zen-Mönche praktizieren die Vipassana-Meditation. Es ist eine Meditation, die leicht zu erlernen und durchzuführen ist. Man beginnt damit, dass man sich einen bequemen Platz sucht und sich für 20 bis 30 Minuten Zeit nimmt. Es ist hilfreich, jeden Tag zur gleichen Zeit und am gleichen Ort zu sitzen. Der Platz muss nicht unbedingt frei von Hintergrundgeräuschen sein. Wechsel so lange, bis du dich wohl fühlst.  

Man kann die Vipassana-Meditation ein- oder zweimal am Tag durchführen, z.B. vor dem Frühstück und vor dem Abendessen. Am besten meditiert man nicht direkt nach dem Essen oder kurz vor dem Schlafengehen. Es ist wichtig, dass man mit geradem Rücken und aufrechtem Kopf sitzt, die Augen geschlossen und den Körper so ruhig wie möglich hält. Im Schneider- oder Lotussitz auf einem Meditationskissen oder mit normaler Sitzposition auf einem Stuhl – wie es am besten passt. Räucherstäbchen an Lieblingsplatz fördern die Meditation.

Vipassana-Meditation

Vipassana basiert auf der Wahrnehmung des Atems. Man spürt die Ausatmung dort, wo sie sich am deutlichsten anfühlt – durch die Nase, durch den Magen oder den Solarplexus. Man atmet ganz einfach, ohne die Atmung zu verändern. Vipassana ist keine Konzentrationstechnik und es ist nicht gemeint, dass man während der gesamten Meditation ständig auf den Atem achten muss. Wenn Gedanken oder Gefühle auftauchen, Körperempfindungen oder wenn man Geräusche oder Gerüche draußen wahrnimmt, so lässt man die Aufmerksamkeit dorthin gehen. Und lässt sie wie die Wolken am Himmel vorüberziehen.

Wie man mit Räucherstäbchen in Japan die verstorbenen Familienmitglieder ehrt

Japaner verbrennen Räucherstäbchen für ihre verstorbenen Verwandten. Es ist eine schöne Tradition, die in einer buddhistischen Legende wurzelt:

Mokuren war ein Jünger des historischen Buddha. Einst nutzte er seine übernatürlichen Fähigkeiten, um mit seiner verstorbenen Mutter in Kontakt zu treten. Er sah, dass sie in Not war und er bat Buddha um Rat, wie er seine Mutter retten könne.

Nach der Anleitung von Buddha führte er ein Ritual durch und befreite seine Mutter durch das Darbringen von Räucherwerk und Speisen. Gleichzeitig gewann er einen Einblick in die Selbstlosigkeit ihres Lebens und die vielen Opfer, die sie ihm zuliebe im Laufe ihres Lebens gebracht hatte

Aus Freude über die Befreiung der Mutter und die Dankbarkeit für ihre uneigennützige Liebe zu ihm, brach er in einen spontanen Freudentanz aus.

Buddhistische Legende

O-bon-Fest in Japan

Diese Geschichte bildet die Grundlage für das O-bon-Fest, das einen der Höhepunkte im traditionellen japanischen Leben darstellt. Ein dreitägiges Fest, das in den meisten Orten Japans um den 15. August herum gefeiert wird. Obwohl es kein nationaler Feiertag ist, nehmen sich viele Japaner drei Tage lang frei, um in ihre Heimatstädte zu reisen und bei der Familie zu sein und ihre verstorbenen Eltern, Großeltern usw. zu ehren. Man reinigt die Gräber und das Haus und auf dem buddhistischen Hausaltar verbrennt man Räucherstäbchen, zündet Kerzen an, stellt Blumen auf und opfert Obst und Gemüse zu Ehren der Verstorbenen.

Tohro Nagashi (schwimmende Laternen) ist eine Tradition, die man auch während des O-bon-Festes pflegt. Die Menschen verabschieden bei dem Fest die Geister der verstorbenen Verwandten mit Laternen, die sie einen Fluss oder das Meer hinunter schwimmen lassen. Die drei Tage enden mit Tanzen und Feiern im örtlichen Park oder Tempel.

O-bon-Fest in Japan
O-bon-Fest in Japan: Schwimmende Laternen, Räucherstäbchen und Blumen auf den Gräbern der Vorfahren.

Räucherstäbchen als Symbol der Dankbarkeit

Nicht nur in Verbindung mit dem O-bon-Fest verbrennt man in Japan Räucherstäbchen für die verstorbenen Verwandten, sondern auch im alltäglichen Leben. Auch hier ist der das Räuchern ein Symbol der Dankbarkeit gegenüber den Opfern der verstorbenen Vorfahren. Es ist eine Möglichkeit, die verstorbenen Geister zu ehren und gleichzeitig bei ihnen zu sein.

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